Steinheimer Familien und Generationenzentrum in Trägerschaft der evang. Kirchengemeinde Steinheim am Main

Geschichte des Kirchenchores

Der evangelische Kirchenchor Steinheim konnte bereits im Oktober 1989 seinen hundertsten Geburtstag feiern. Zu diesem Anlaß schrieb der am 6. Juni 1999 verstorbene Fritz Eberhard, über Jahrzehnte Mitglied und Stütze des Chores, einen "Lebenslauf" dieser Gemeindegruppe, der im Folgenden leicht gekürzt und aktualisiert wiedergegeben wird.

Am Erntedankfest 1889 hat zum ersten Mal ein evangelischer Kirchenchor in einem Gottesdienst der "Evangelischen Pfarrei Groß-Steinheim" gesungen.

Geburtshilfe für den Kirchenchor leistete Dekan Sturmfels, der erste Seelsorger der 1847 gegründeten Pfarrei Groß-Steinheim. Es gab damals noch keine evangelische Kirche in Steinheim. Die Gottesdienste und der Religions- und Konfirmandenunterricht fanden mit Genehmigung des Großherzogs von Hessen-Darmstadt in einem Betsaal im Steinheimer Schloss statt.

rtemagicc_1889_chor_liederpalmeIm Chor sangen zunächst nur 15 Männer. Nachdem bald darauf noch 13 Frauen in den Chor eingetreten waren, wurde am 9. November 1889 im Restaurant "Kuschke'' (heute: Altenheim "Mainterrasse") der "Gemischte Chor Liederpalme" (evangelischer Kirchenchor) gegründet. Der erste Dirigent war Herr Adam Horr aus Klein-Steinheim. Im Juli 1914 feierte der Chor sein 25-jähriges Bestehen. In der hierzu erschienenen Festschrift beschrieb der bis 1898 den Chor leitenden Dirigent Fritz Frank sehr lebendig und detailliert vor allem die gesanglichen Leistungen und das Wirken des Chors in und außerhalb der evangelischen Gemeinde. Das Singen in den Gottesdiensten, das Zusammenfinden zu Singstunden in den Gasthäusern, bei geselligen Veranstaltungen, bei Konzerten und gemeinsamen Ausflügen entwickelte und stabilisierte das Bewusstsein der Chormitglieder und ihrer Familien: "Wir gehören zur evangelischen Kirchengemeinde."

Besonders erwähnt werden muss die Bereitschaft zu erheblichen finanziellen Opfern für den Bau der Kirche. Ohne den Einsatz der Kirchenchormitglieder und der Frauenhilfe hätte die Steinheimer evangelische Kirche nicht schon am 12. Oktober 1902 eingeweiht werden können.

rtemagicc_1903_kirchen-gesangfestVon Beginn an hatte der Chor zwei Probleme. Das erste Problem war, gute Dirigenten zu finden, die nichts oder wenig kosteten. Es waren vor allem Lehrer, die sich uneigennützig zur Verfügung stellten. Dauerproblem blieb die Wahl des Übungslokals. Da ein Teil der Chormitglieder in Klein-Steinheim wohnte, blieb die Frage, ob "oben" oder "unten" geübt werden sollte zwanzig Jahre lang strittig. So wurde, je nach den wechselnden Mehrheiten, mal einige Jahre in Klein-Steinheim im "Hanauer Hof", dann mal einige Jahre im Groß-Steinheimer Gasthaus "Zur Erholung" geprobt 1908 fasste man den Entschluss: "Die Singstunden sollen abwechselnd in Groß- und Klein-Steinheim abgehalten werden." Dies war keine tragfähige Lösung. Schließlich gründeten 31 Klein-Steinheimer Chormitglieder am 31. Januar 1910 im Restaurant "Kuschke" einen eigenen Verein, den "Evangelischen gemischten Chor Klein-Steinheim". In der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des "Gemischten Chores Liederpalme" wird zur Gründung des zweiten Chores vermerkt: "... und beide Vereine bestehen seit dieser Zeit friedlich nebeneinander."

rtemagicc_1914_festschrift_liederpalme_5f25jahreSeit Januar 1910 leisteten beide Chöre ihren Dienst in den Gottesdiensten ihrer Kirchengemeinde. In der damaligen Situation war die Existenz zweier Kirchenchöre durchaus sinnvoll. Beide Chöre hatten keinen Mangel an engagierten Sängerinnen und Sängern. Eine gesunde Konkurrenz wirkte sich positiv auf das musikalische Niveau beider Chöre aus.

In den nachfolgenden 30 Jahren mussten beide Chöre schwere Krisenzeiten überstehen. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Nach und nach wurden fast alle Männer an die Front gerufen. Die für gemischte Stimmen geschriebenen Chorsätze konnten wegen der fehlenden Männer nicht mehr gesungen werden. In dieser Notsituation fanden sich die Frauen beider Chöre wieder zusammen, um als reiner "Frauenchor" in den Gottesdiensten zu singen. 

Nach dem Ersten Weltkrieg gelang es Johann Heimer und Christian Mack, nicht nur die aus dem Kriege heimgekehrten Männer, sondern auch weitere Gemeindemitglieder zum Singen in den Steinheimer Kirchenchören zu motivieren. Aus den Protokollbüchern beider Chöre ist zu ersehen, dass im Jahre 1920 im Groß-Steinheimer Chor 48 aktive und im Klein-Steinheimer Chor 49 aktive Sängerinnen und Sänger für die Kirchengemeinde sangen.

Vieles war damals anders als heute. Es gab keine Radios, CD-Player und keine Fernsehgeräte. Wer Musik oder Gesang hören wollte musste in ein Konzert gehen, oder selbst singen oder musizieren. Die Kirchenchöre waren bis zum Zweiten Weltkrieg neben den Gesang- und Musikvereinen die wesentlichen Träger des Kulturlebens in unserer Stadt.

Eine neue Belastung für unsere Kirchenchöre bedeutete die Inflation. Diese galoppierende Geldentwertung schlägt sich bei den sehr detaillierten Berichten in den Protokollbüchern beider Chöre aus den Jahren 1922-1924 nieder. Die Beiträge, mit denen Dirigenten und Noten bezahlt werden sollten, mussten von Woche zu Woche erhöht, sofort eingesammelt und an die Dirigenten ausgezahlt bzw. für Noten ausgegeben werden. Der Wochenbeitrag im Januar 1923 betrug 1, - Reichsmark, im Dezember 1923 bereits 1.000.000.000,- Reichsmark.

Aber selbst unter diesen Bedingungen brachten es die Steinheimer Kirchenchöre fertig, durch den Erlös von Konzerten und Theateraufführungen ihren Beitrag zur Finanzierung neuer Glocken zu leisten, die am 10. Juli 1925 eingeweiht wurden.

1933 übernahmen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Viele Vereine und Gruppen wurden aufgelöst oder "gleichgeschaltet". Auch die kirchlichen Vereine blieben nicht verschont. Umso erstaunlicher ist es, dass die vielfältigen Bedrängnisse dieser Zeit unseren evangelischen Kirchenchören in Steinheim nichts anhaben konnten. Nur wenige Mitglieder ließen sich irre machen und kehrten den Chören den Rücken. Die überwältigende Mehrheit der Chormitglieder hörte weiterhin auf das Wort unseres Herrn Jesus Christus und lobte Gott mit Singen im Gottesdienst.

Der Zweite Weltkrieg, mit all seinen schrecklichen Folgen und sinnlosen Opfern, brachte auch unsere beiden Kirchenchöre in Steinheim in Bedrängnis. Nach und nach wurden fast alle Männer zum Wehrdienst eingezogen. Die Frauen der Chöre wurden durch die Kriegswirtschaft in hohem Maße belastet. Trotzdem hörte man nicht auf, in den Gottesdiensten zu singen. Als nach 1942 die Lücken in den Chören zu groß wurden, schlossen sich die Sängerinnen der beiden Chöre wieder zusammen, und man sang weiter, bis 1944 der Chorleiter Willi Braun eingezogen wurde.

rtemagicc_1958-3-ausflug_kirchenchorEs trat eine Zwangspause von zwei Jahren ein. Aber schon Ende des Jahres 1945 ergriffen die Herren Johann Heimer und Christian Mack die Initiative und führten die Kirchenchorsänger erneut zusammen. Bereits 1946 sang man, wieder unter der Leitung von Willi Braun, mit 47 aktiven Sängerinnen und Sängern. Doch dieser Zusammenschluss währte nicht lange. 1951 entschlossen sich die beiden Chöre, wieder getrennt zu singen. Der "Gemischte Chor Liederpalme" sang bis zu seiner Auflösung im Jahre 1968 unter der Leitung von Willi Braun, der mehr als 40 Jahre unsere Kirchenchöre dirigierte und fast ebenso lange als Organist unserer Gemeinde tätig war.

Im Jahre 1951 übernahm der junge Dirigent Walter Scholz den Evangelischen gemischten Chor Steinheim-Nord. Unter Walter Scholz gewann dieser Chor einen ungeahnten Aufschwung und erreichte in den nachfolgenden 20 Jahren eine immer höhere

rtemagicc_1960-13-kirchenchor_50-jaehriges_jubilaeummusikalische Qualität. Von dem Kirchenchor Steinheim-Nord wurden sowohl sehr anspruchsvolle Werke alter Meister als auch eine Reihe recht moderner Chorsätze brillant gesungen. Im Jahre 1960 feierte der Evangelische Kirchenchor Steinheim-Nord mit großem Programm sein 50-jähriges Jubiläum. Der Evangelische Kirchenchor Steinheim-Nord hat unter seinem Dirigenten Walter Scholz, später unter der Leitung von IIse Wendeberg und Olav Deller, regelmäßig und engagiert der Kirchengemeinde treu gedient. Außerhalb der Gottesdienste vermochte der Chor aber auch in Konzerten und Abendmusiken sowohl einfache Choralsätze als auch Motetten, Kantaten und ein Oratorium in hoher gesanglicher Qualität zu Gehör zu bringen.

Nach Auflösung der "Liederpalme" (1968) hat der Kirchenchor Steinheim-Nord seinen Namen geändert und nannte sich dann "Evangelischer Kirchenchor Steinheim/Main".

Leider kam es im Jahre 1980 zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kirchenchor und dem damaligen Gemeindepfarrer. Die Chormitglieder haben damals beschlossen, die Chorarbeit solange ruhen zu lassen, bis wieder bessere Bedingungen für einen evangelischen Kirchenchor in Steinheim gegeben waren. Der Großteil des Chores ging für etwa zwei Jahre nach Hanau "ins Exil" und hat unter der Leitung von Jürgen Hessel in der Christuskirche weitergesungen.

Bereits am Erntedankfest 1982 sangen einige Mitglieder des Kirchenchores wieder in ihrer eigenen Gemeinde drei Chorsätze. Auf Initiative von Pfarrer Ludwig Birkenhake wurde der Kirchenchor unter dem Dirigenten Peter Lettow neu belebt. Nach dem beruflich bedingten Weggang von Peter Lettow (1986) übernahm für kurze Zeit Herr Dr. Steinbrück den Chor.

Ab 1987 sang der Kirchenchor unter der Leitung seines jungen, hochmusikalischen Dirigenten Michael Hantschel. Als dessen Nachfolgerinnen konnten wieder engagierte und hoch begabte Chorleiterinnen gewonnen werden. Es folgten ab 1990 Doris Jerulank, ab 1998 Kerstin Kopelke und seit Januar 2002 Barbara Hessel.

kirchenchorZum Ende des Jahres 2011 hat sich der Kirchenchor der Gemeinde aufgelöst. Sinkende Mitgliederzahlen zwangen die Gemeinde zu diesem Entschluss. In einem Gottesdienst wurde allen Chormitgliedern gedankt. Doch die Chorarbeit in unserer Gemeinde ist damit nicht zu einem völligen Ende gekommen. Seit dem Jahr 2012 werden zu verschiedenen Gelegenheiten Chorprojekte unter der Leitung von Barbara Hessel angeboten.

Schon notiert?

Zum Seitenanfang